Magische Zeichen sind in die Leinwand eingeschrieben. Buchstaben und Wortfragmente steigen aus dem diffusen Bildgrund auf, Zahlenreihen oder einzelne Ziffern bilden in präziser Schablonentechnik unergründliche numerische Werte, religiöse Symbole und geometrische Formen sind in das Impasto der Oberfläche gerakelt und geritzt, während archaische Figuren aus der Vorzeit würdevoll tanzen und skripturale Chiffren im Bildfeld herumwirbeln.

 

Die Bilder von Renke Maspfuhl versammeln den gesamten Zeichenvorrat der menschlichen Zivilisationsgeschichte. Der Zeichensprache des Menschen gilt das Hauptinteresse des Künstlers. So faszinierte ihn immer schon die prähistorische Höhlenmalerei und deren zeitlose Aussagekraft. Dass wir heute diese Bildergeschichten noch verstehen können, liegt an der Fähigkeit des Menschen, die äußere Erfahrungswelt in ein komplexes Kodierungssystem aus Piktogrammen und Symbolen zu übersetzen, mit dem Wissen über Generationen tradiert worden ist. So hat sich über Jahrtausende  neben den gesprochenen und geschriebenen Sprachen ein kollektives Zeichenrepertoire entwickelt, das gerade die ewigen menschlichen und mythologischen Wahrheiten auszudrücken vermag.

 

Hier setzt Renke Maspfuhl künstlerisch an, dessen Interesse an den Konstanten des menschlichen Geistes wohl auch der Tatsache geschuldet ist, dass sein Vater von Beruf Psychiater und Psychotherapeut war. Die Gemälde entstehen in einem aufwendigen Arbeitsprozess. Malschicht um Malschicht bringt der Künstler die Farbe auf die Leinwand, um eine besonders intensive und nuancenreiche chromatische Wirkung zu erzielen. Die schnell auftrocknende Acrylfarbe ermöglicht viele Farblagen, wobei Lasuren selten sind. Meist entstehen die Schichten durch einen trockenen Farbauftrag, der nicht überall deckend ist und manchmal nachträglich berieben wird. Häufig verwendet der Künstler eine Quarzsandpaste, mit der er reliefartige und schrundige Oberflächen schafft, die noch in feuchtem Zustand bearbeitet werden, indem er Symbole oder Striche einritzt und die Grate und Vertiefungen farblich variiert. Die Bildentstehung ähnelt bisweilen einer archäologischen Grabung. Der Künstler begibt sich auf Spurensuche und ringt Schritt für Schritt den Material- und Farbschichten Figuren und Zeichen ab, die aber nicht immer ganz freigelegt werden. Manchmal bleiben die Formen fragmentarisch und unbestimmt in einem Schwebezustand der bloßen Andeutung. Farbe und Form sind wohlüberlegt auf die Leinwand gesetzt. Die im Unterbewussten verborgenen Zeichen werden langsam ans Licht geholt und zu einem ausgewogenen Gefüge geordnet. Gerade an den kalligraphischen Strichwirbeln und der borstigen Beschaffenheit der Bildoberfläche ist aber auch ablesbar, dass manchmal der gelenkte Zufall den Pinsel führt und sich der Künstler der écriture automatique des Surrealismus und des Informel anvertraut.

 

Im Laufe der Werkgenese hat Renke Maspfuhl eine weitere Arbeitsweise zur Bildfindung entwickelt, die er parallel praktiziert und die zu einem etwas anderen Ergebnis führt : Neben den schweren Materialbildern entstehen immer wieder leichte und durchlichtete Kompositionen, bei denen er auf den Quarzsand verzichtet und die Palette aufhellt. Mit rein malerischen und grafischen Mitteln gelingen dem Künstler Arbeiten von spielerischer Ungezwungenheit, die z.T. an die großen Tableaus von Cy Twombly erinnern, auf denen seltsame Kürzel wie Graffiti auf einer Häuserwand erscheinen. Aber diese Verwandtschaft  hat Renke Maspfuhl erst erkannt, als er seine eigene Formensprache längst ausgebildet hatte. Ein wichtiges Vorbild ist dagegen Antoni Tàpies, der große spanische Maler, der, angeregt von Klee und Dubuffet, seit den 50er Jahren mit seinen aus Sand und Farbe modulierten Materialbildern kosmische Meditationen schuf, die in ihrer tellurischen Tektonik  existenzielle Fragen nach dem Sinn des Lebens aufwerfen.

 

Die Bilder von Renke Maspfuhl stehen deutlich in diesem Kontext. Weil sie den Menschen ins Zentrum ihrer Betrachtung stellen, nicht die alltäglichen Dinge, sondern die Sedimente seiner Kultur, die Hinterlassenschaften seiner Existenz, haben sie eine meditative und transzendente Seite. Der Künstler versucht in seinen Werken, seine eigene Spiritualität (...) in eine Zeichensprache zu übertragen, die die Harmonie des Ganzen anstrebt und deshalb durch ihre Verschlüsselung auch das Unbestimmte zulässt und keine eindeutigen Antworten zu geben sich anmaßt. Die Bilder von Renke Maspfuhl geben dem Betrachter die Möglichkeit, die Material- und Farbschichtungen nach Botschaften abzusuchen, um zu eigenen Antworten zu gelangen. Darin sind die Arbeiten von Renke Maspfuhl zutiefst humanistisch.

 

 

Dr. Björn Egging* (Kunsthistoriker, heute Kurator am Kunstmuseum Wolfsburg)

 

*Rede anlässlich der Ausstellung ‚Ohne Vision ist der Mensch wild und wüst‘(König Salomon), Renke Maspfuhl / Beate Rosenfeld, Malerei, Hamburg 2002